Malteser Werke & Wohlfahrtsverbände MV — Asylindustrie Mecklenburg-Vorpommern
Überblick
In Mecklenburg-Vorpommern liegt die staatliche Asylinfrastruktur in den Händen eines einzigen Wohlfahrtsverbands: Die Malteser Werke gemeinnützige GmbH (Köln, HRB 31629) betreibt seit rund zwanzig Jahren die beiden Erstaufnahmeeinrichtungen (EAE) des Landes — Nostorf-Horst und Stern Buchholz (Schwerin) — und dazu über 40 kommunale Gemeinschaftsunterkünfte (GU) in sechs Regionen. Auftraggeber ist das Landesamt für innere Verwaltung (LAiV), das dem Innenministerium MV untersteht.
Ergänzend übernehmen DRK Mecklenburg-Vorpommern und Diakonie Mecklenburg-Vorpommern die staatlich kofinanzierte Beratungsseite: Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderte (MBE), Asylverfahrensberatung und Integrationsarbeit. Gemeinsam decken die drei Wohlfahrtsverbände nahezu die gesamte Flüchtlingsinfrastruktur des Landes ab.
2024 wurde der EAE-Betriebsvertrag europaweit neu ausgeschrieben. Das Vergabeverfahren wurde von einem Rivalen angefochten — und endete dennoch mit der Verlängerung für die Malteser: 105 Millionen Euro für fünf Jahre.
„Wir begrüßen diese Entscheidung. Die Malteser sind eine erfahrene Organisation mit pädagogischer Expertise."
— Flüchtlingsrat Mecklenburg-Vorpommern, 2024 (Nordkurier)
Malteser Werke: Zwei Jahrzehnte Monopol
Die Malteser Werke gGmbH mit Hauptsitz in Köln sind das operative Instrument des Malteser Hilfsdienstes im Bereich Migration. In Mecklenburg-Vorpommern betreiben sie nach eigenen Angaben die Erstaufnahmeeinrichtungen seit rund 20 Jahren — also seit etwa 2004 bis 2005. Damit sind sie der mit Abstand dienstälteste und kapazitätstärkste Betreiber im Land.
Die Struktur ist typisch für die Branche: Die gemeinnützige GmbH (steuerbefreit, spendenfinanziert) führt staatliche Aufträge aus, die über Landeshaushalt und EU-Mittel finanziert werden. Der Wohlfahrtscharakter des Malteserhilfsdienstes dient dabei als Legitimationsrahmen — obwohl die Vergabe europäischen Ausschreibungsregeln unterliegt und prinzipiell auch gewerbliche Anbieter zum Zug kommen könnten.
Die Regionalleitung MV liegt bei Georg Manzke (Regionalleiter Migration für MV & Berlin/Brandenburg), seine Stellvertreterin ist Charleen Brügmann. Der operative Radius ist breit: Neben dem EAE-Betrieb führen die Malteser Werke MV auch BAMF-geförderte Erstorientierungskurse (seit 2016) durch — Sprachunterricht und kulturelle Einführung für Asylbewerber in den Einrichtungen.
Gegenposition Malteser: Die Malteser betonen ihre humanitäre Tradition und die Kontinuität als Qualitätsmerkmal: Zwei Jahrzehnte Erfahrung mit den spezifischen Strukturen in MV sicherten Qualitätsstandards, die ein kurzfristiger Betreiberwechsel gefährden würde. Die Gemeinnützigkeit des Trägers sichere, dass keine Gewinnmaximierung auf Kosten der Bewohner stattfinde.
Standorte & Kapazitäten
Die Malteser Werke betreiben in MV zwei Erstaufnahmeeinrichtungen sowie ein flächendeckendes Netz kommunaler Gemeinschaftsunterkünfte:
Kommunale Gemeinschaftsunterkünfte betreiben die Malteser Werke MV in mindestens sechs Regionen:
- Hansestadt Rostock: 9+ Standorte (u.a. Elbotel, Hafen I/II, Bramow, Greifennest, Osthafen, Marienehe, Warnemünde)
- Landkreis Rostock: 11+ Standorte (u.a. Bad Doberan, Güstrow, Graal-Müritz, Rövershagen, Teterow)
- Stadt Schwerin: 2 Standorte (Hamburger Allee, Werkstraße)
- Landkreis Ludwigslust-Parchim: 6+ Standorte (u.a. Hagenow, Ludwigslust, Lübtheen, Parchim)
- Landkreis Vorpommern-Rügen: 8+ Standorte (u.a. Stralsund, Bergen auf Rügen, Franzburg, Zingst)
- Landkreis Mecklenburgische Seenplatte: 6+ Standorte (u.a. Altentreptow, Friedland, Neubrandenburg, Malchin)
Die tatsächliche Belegung schwankt mit den Zugangszahlen; die Kapazitäten werden bei Bedarf aktiviert oder reduziert. Genaue Gesamtplatzzahlen für alle GU-Standorte wurden nicht öffentlich zugänglich dokumentiert.
Vergabe 2024: 105 Millionen Euro und ein gescheiterter Angreifer
2024 wurde der Betriebsvertrag für die beiden Erstaufnahmeeinrichtungen vom LAiV europaweit neu ausgeschrieben — eine gesetzliche Pflicht ab einem Schwellenwert. Das Vergabeverfahren verlief nicht geräuschlos.
Als Konkurrent trat European Homecare GmbH (EHC) an, eine Tochtergesellschaft der britischen Serco Group plc — einem börsennotierten Rüstungs- und Dienstleistungskonzern. EHC ist einer der größten gewerblichen Betreiber von Flüchtlingsunterkünften in Deutschland. Nach einer zunächst positiven Bewertung durch die Vergabekammer focht EHC das Verfahren an — zog den Einspruch jedoch nach Ablauf der Bindungsfrist zurück.
Ergebnis: Die Malteser sicherten sich den Zuschlag. Vertragsvolumen: 105 Millionen Euro über fünf Jahre, Laufzeit ab 1. Juli 2024. Das ursprüngliche Ausschreibungsvolumen soll laut Presseberichten bei ca. 67 Millionen Euro gelegen haben; die Differenz erklärt sich durch Preisentwicklung und Kapazitätsanpassungen im Vergabeverfahren. (Vergabebekanntmachung nicht öffentlich abrufbar; Primärquelle für das ursprüngliche Volumen ausstehend.)
Der Flüchtlingsrat Mecklenburg-Vorpommern begrüßte das Ergebnis ausdrücklich: Man sei froh, dass keine Serco-Tochter den Zuschlag erhalte — die Nähe des Mutterkonzerns zur Rüstungsindustrie und zurückliegende Kontroversen über Arbeitsbedingungen in britischen Einrichtungen seien inakzeptabel.
Strukturelle Frage: Das Vergabeverfahren zeigt, dass die MV-Asylinfrastruktur grundsätzlich für gewerbliche Anbieter offen ist. Gemeinnützigkeit ist kein Vergabekriterium. Der Preis und die Leistungsbeschreibung entscheiden — was im nächsten Ausschreibungszyklus anders ausgehen könnte.
DRK und Diakonie MV: Die Beratungsseite
Während die Malteser den Unterkunftsbetrieb dominieren, sind DRK Mecklenburg-Vorpommern e.V. und Diakonisches Werk Mecklenburg-Vorpommern e.V. die zentralen Träger der staatlich finanzierten Beratungsinfrastruktur.
DRK Mecklenburg-Vorpommern
Der DRK-Landesverband MV mit Sitz in Schwerin betreibt über seine Kreisverbände ein Netz von Migrationsberatungsstellen. Einzelne Kreisverbände betreiben auch kommunale Gemeinschaftsunterkünfte (z.B. DRK Kreisverband Schwerin: GU Werkstraße). Im Bundesvergleich ist die Rolle des DRK in MV jedoch deutlich kleiner als etwa in Brandenburg, wo DRK der alleinige EAE-Betreiber ist.
Vorstandsvorsitzender und Geschäftsführer des DRK-Landesverbands MV ist Jan-Hendrik Hartlöhner. Seit 1. Januar 2024 ist Hartlöhner Vorsitzender der LIGA der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege Mecklenburg-Vorpommern — des Dachverbands, der gegenüber der Landesregierung Rahmenvereinbarungen für soziale Dienstleistungen aushandelt. Diese Position gibt dem DRK-Landesverband eine über den eigenen Wirkungsbereich hinausgehende strukturelle Rolle.
DRK-Präsident des Landesverbands ist Werner Kuhn. Das DRK ist im Lobbyregister des Bundestags als Gesamtverband eingetragen (R001476, Jahresbudget Interessenvertretung: ~2,3 Mio. €).
Diakonie Mecklenburg-Vorpommern
Das Diakonische Werk MV mit seinen rund 1.048 Institutionen und 16.614 Beschäftigten landesweit ist ebenfalls im Beratungsbereich aktiv: Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderte (MBE), Familienberatung, Sprachförderung. Die Diakonie Rostock / Rostocker Stadtmission betreibt zudem die Gemeinschaftsunterkunft "Greifennest" in Rostock. Konkrete Gesamtkapazitäten für Unterkunftsbetrieb sind öffentlich nicht vollständig dokumentiert.
MBE: Das bundesfinanzierte Beratungsnetz
Die Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderte (MBE) wird bundesweit durch das Bundesinnenministerium (BMI) über das BAMF mit rund 77–81 Millionen Euro jährlich finanziert. In MV sind Träger: DRK-Landesverband und einzelne Kreisverbände, Diakonisches Werk MV (u.a. Gadebusch), AWO, CJD Nord und weitere. Der genaue Mittelanteil für MV ist öffentlich nicht separat ausgewiesen.
Finanzierung
Die öffentliche Asylfinanzierung in MV speist sich aus mehreren Quellen:
- Land MV (LAiV): Betriebsvertrag für EAEs mit Malteser Werke — 105 Mio. € / 5 Jahre (ab 2024). Kostenerstattung nach §§ 4, 5 Flüchtlingsaufnahmegesetz MV an Landkreise und kreisfreie Städte für Gemeinschaftsunterkünfte.
- Gesamtkosten: Das Land MV verzeichnete 2023 nach öffentlichen Angaben über 240 Millionen Euro an Asylkosten. MV erstattet Gemeinden und Kreisen die Unterkunfts- und Verpflegungskosten vollständig — eine bundesweit ungewöhnliche Praxis.
- BMI / BAMF: MBE-Finanzierung (Bundesanteil aus dem bundesweiten Budget von ~79 Mio. €/Jahr); Asylverfahrensberatung in EAEs (anteilig aus dem 20-Mio.-Bundesprogramm).
- EU-Fonds: AMIF (Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds 2021–2027); Erstorientierungskurse der Malteser seit 2016 BAMF-gefördert. Verwaltung für MV teilweise über Hamburg gebündelt.
Gegenposition: Die Landesregierung MV verweist darauf, dass die vollständige Kostenerstattung an Kommunen einen kommunalen Lastenausgleich darstellt und die Handlungsfähigkeit der Kreise sichert. Die Betreiberverträge seien nach Vergaberecht ausgeschrieben und würden nicht aus Wohlgefälligkeit, sondern nach Preis-Leistung vergeben.
Verflechtungen
Die Betreiber der MV-Asylinfrastruktur sind untereinander und mit staatlichen Stellen eng vernetzt:
Die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege MV bündelt DRK, AWO, Diakonie, Caritas, Paritätischer und ZWST. Seit Januar 2024 führt DRK-Vorstandsvorsitzender und Geschäftsführer Jan-Hendrik Hartlöhner den LIGA-Vorsitz — womit die DRK-Spitze zugleich Verhandlungsführer gegenüber der Landesregierung für alle Wohlfahrtsverbände ist. Gemeinsam steuern diese Verbände den größten Teil der sozialen Dienstleistungsinfrastruktur in MV, von Jugendhilfe bis Flüchtlingsbetreuung.
Das Interessengeflecht: Die Wohlfahrtsverbände, die staatliche Beratungsaufträge erhalten, sind dieselben, die über die LIGA Rahmenvereinbarungen mit der Landesregierung aushandeln, die wiederum die Finanzierung dieser Aufträge festlegt.
Parlamentarische Initiativen
→ Parlamentsdokumentation Landtag MV (Nr. 8–4572)
Weitere parlamentarische Anfragen zu Vertragsdetails des Malteser-Betriebsvertrags (Vertragssummen, Tagessätze) konnten nicht verifiziert werden. Die genauen Konditionen des 105-Mio.-Vertrags sind öffentlich nicht vollständig dokumentiert.
Vergleich: Mecklenburg-Vorpommern vs. Brandenburg
| Merkmal | Mecklenburg-Vorpommern | Brandenburg |
|---|---|---|
| EAE-Betreiber | Malteser Werke gGmbH (Köln) | DRK Flüchtlingshilfe Brandenburg gGmbH |
| EAE-Kapazität | ~600 Plätze (Nostorf-Horst) + Stern Buchholz | 3.200+ Plätze (4 EAE-Standorte) |
| Vergabeverfahren | Europäische Ausschreibung (ab Schwellenwert) | Direktvergabe via ZABH (nicht öffentlich ausgeschrieben) |
| Vertragswert (aktuell) | 105 Mio. € / 5 Jahre (seit 2024) | nicht öffentlich |
| Beratungsträger | DRK MV, Diakonie MV, AWO MV | DRK Kompetenzzentrum (MBE + Asylverfahrensberatung) |
| Interessenkonflikt | Getrennt: Malteser (Betrieb) / DRK-Diakonie (Beratung) | DRK: Betrieb + Beratung in einer Hand |
Der zentrale Unterschied: In Brandenburg hat das DRK eine faktische Monopolstellung, die Betrieb und Beratung vereint — ein struktureller Interessenkonflikt, der in MV durch die Trennung in Malteser (Betrieb) und DRK/Diakonie (Beratung) abgemildert ist. Allerdings unterliegt die Trennung in MV keiner gesetzlichen Absicherung — ein Betreiberwechsel oder eine spätere Konsolidierung ist möglich.
Kontroversen & Landesrechnungshof-Befunde
Die MV-Wohlfahrtsverbände — darunter DRK, AWO und Diakonie — stehen seit mehreren Jahren unter Verdacht unrechtmäßiger Abrechnungspraktiken. Der Landesrechnungshof Mecklenburg-Vorpommern spricht in seinem Jahresbericht von „kreativen Abrechnungen": Bei einem geprüften Finanzvolumen von rund 11,4 Millionen Euro hätten Wohlfahrtsverbände über 600.000 Euro Personalkosten zu Unrecht abgerechnet — mehr als fünf Prozent der Personalaufwendungen. Konkret: Verbände hätten Personalkosten deklariert für Beschäftigte, die noch nicht oder nicht mehr im jeweiligen geförderten Projekt tätig waren. Vor Einführung der verschärften Prüfpflichten konnten AWO, DRK und andere ohne Belege abrechnen (sogenannte „einfache Prüfpflicht").
Im Kontext der AWO-Affäre MV wurden Berichte über sogenannte „Freitagsgespräche" publik: Über Jahrzehnte sollen Vertreter von AWO, DRK, Diakonie und anderen in informellen Runden die Verteilung staatlicher Fördermittel untereinander koordiniert haben — ein System, das den Wettbewerb um Mittel faktisch ausgehebelt haben soll.
Die Chefgehälter-Debatte erfasste auch das DRK MV: Ein ehemaliger DRK-Chef rechtfertigte öffentlich hohe Vorstandsgehälter in der Wohlfahrt. Die 2020 per Wohlfahrtsgesetz eingeführte Transparenzdatenbank für Vorstandsgehälter zeigt für das DRK MV keine vollständigen öffentlichen Angaben — Caritas MV publizierte freiwillig 120.000 € je Vorsitzenden, DRK MV verwies auf Gutachten.
Ob und in welchem Umfang Malteser Werke MV von diesen Vorwürfen betroffen sind, ist nicht öffentlich dokumentiert. Die Rechnungshof-Befunde beziehen sich auf Landesförderung, nicht auf LAiV-Betriebsverträge.
Nostorf-Horst: Kritik an Lebensbedingungen
Die EAE Nostorf-Horst steht seit Jahren in der öffentlichen Kritik: Flüchtlingsräte von Hamburg und MV haben gegenüber dem Schweriner Innenministerium unzureichende medizinische Versorgung, Isolation und rassistische Vorfälle durch Mitarbeiter moniert. Das Katapult MV-Magazin bezeichnete Nostorf-Horst als „noch immer ein Zeichen für Rassismus". Pro Bleiberecht forderte mehrfach die Schließung der Einrichtung. Direkte Konsequenzen für den Betreiber Malteser Werke sind öffentlich nicht dokumentiert.
Gegenposition der Organisationen
Malteser Werke gGmbH: Die Malteser betonen, dass ihre Gemeinnützigkeit strukturell verhindere, dass Gewinnmaximierung auf Kosten der Bewohner betrieben werde. Zwei Jahrzehnte Erfahrung mit den spezifischen Gegebenheiten in MV sicherten Qualitätsstandards, die ein Betreiberwechsel gefährden würde. Die Vergabe des EAE-Vertrags 2024 sei nach europäischem Vergaberecht erfolgt und habe sich gegen kommerzielle Konkurrenz (EHC/Serco) durchgesetzt.
DRK Landesverband MV: Der Landesverband weist darauf hin, dass seine Jahresabschlüsse und Lageberichte von einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft geprüft werden und seine staatlich kofinanzierten Projekte regelmäßig von den zuständigen Ministerien kontrolliert werden. Das DRK sei als gesetzliche Hilfsgesellschaft nach dem DRK-Gesetz keine gewöhnliche Lobbyorganisation, sondern agiere primär als Anwalt benachteiligter Bevölkerungsgruppen.
LIGA der Freien Wohlfahrtspflege MV: Die LIGA begrüßte das 2025 verabschiedete Wohlfahrtsgesetz, kritisierte aber die unzureichende Finanzierung und die Zeitachse der Reform. Bezüglich der LRH-Vorwürfe verwies das Sozialministerium auf eine umfassende Querschnittsprüfung, die Konsequenzen aus dem Prüfbericht ziehen soll.