Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS)
Überblick
Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) ist die zentrale jährliche Kriminalitätsstatistik der Bundesrepublik Deutschland. Sie wird vom Bundeskriminalamt (BKA) auf Basis von Meldungen der 16 Landeskriminalämter erstellt und fasst alle der Polizei bekannt gewordenen und durch sie abgeschlossenen Ermittlungsvorgänge zusammen.
Politisch motivierte Kriminalität (PMK) ist nicht Teil der PKS — dafür gibt es eine eigene Statistik des BKA. Beide Systeme arbeiten nach unterschiedlichen Methoden und sind nicht direkt vergleichbar. Dies führt in der öffentlichen Debatte regelmäßig zu Verwechslungen und Fehlinterpretationen.
Was die PKS nicht erfasst: 1
- Politisch motivierte Kriminalität / Staatsschutzdelikte (separate PMK-Statistik)
- Straßenverkehrsdelikte (außer §§ 315, 315b StGB und § 22a StVG)
- Finanz- und Steuerdelikte (BZSt / Finanzbehörden)
- Straftaten außerhalb der BRD
- Aussagedelikte (werden direkt bei der Staatsanwaltschaft angezeigt)
- Verstöße gegen strafrechtliche Landesgesetze (mit Ausnahmen)
PKS 2024 — Kerndaten
Die PKS 2024 wurde am 3. April 2025 von Bundesinnenministerin Nancy Faeser und BKA-Präsident Holger Münch vorgestellt. 2
| Kennzahl | 2024 | 2023 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Straftaten gesamt | 5.837.445 | 5.940.667 | –1,7 % |
| Straftaten (ohne ausländerrechtl. Verstöße) | 5.550.106 | 5.641.758 | –1,6 % |
| Tatverdächtige gesamt | 2.184.834 | 2.246.767 | –2,8 % |
| Deutsche Tatverdächtige | 1.271.638 | 1.323.498 | –3,9 % |
| Nichtdeutsche Tatverdächtige | 913.196 | 923.269 | –1,1 % |
| Aufklärungsquote | 58,0 % | 58,4 % | –0,4 PP |
| Häufigkeitszahl (je 100.000 EW) | 6.995 | 7.147 | –2,1 % |
| Gewaltkriminalität | 217.277 | 214.099 | +1,5 % |
| Rauschgiftdelikte | ca. 232.000 | ca. 350.000 | –34,0 % |
Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger
Nichtdeutsche Tatverdächtige stellen 41,8 % aller Tatverdächtigen (PKS 2024). Bei Bereinigung um ausländerrechtliche Verstöße (Delikte, die nur Nichtdeutsche begehen können: unerlaubte Einreise, Aufenthalt) sinkt der Anteil auf 35,4 %. Sogenannte „Zuwanderer" (engere Kategorie) stellen 17,6 % (383.844 Personen, –4,6 % gegenüber 2023). 3
Ein Viertel der Opfer von PKS-Straftaten sind selbst Nichtdeutsche — ein Aspekt, der in der medialen Berichterstattung zur Staatsangehörigkeits-Debatte kaum thematisiert wird.
PKS 2025 — Aktuelle Zahlen
Am 20. April 2026 präsentierten Bundesinnenminister Alexander Dobrindt, IMK-Vorsitzender Senator Andy Grote und BKA-Präsident Holger Münch die PKS 2025. Erstmals wurden PKS und die Dunkelfeldstudie SKiD 2024 simultan veröffentlicht. 13
| Kennzahl | 2025 | 2024 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Straftaten gesamt | 5.508.559 | 5.837.445 | –5,6 % |
| Tatverdächtige gesamt | ca. 2.050.000 | 2.184.834 | –5,9 % |
| Nichtdeutsche Tatverdächtige (Gewaltkriminalität) | 42,9 % | 41,8 % | +1,1 PP |
| Gewaltkriminalität | –2,3 % | +1,5 % | Rückgang |
| Tatverdächtige Jugendliche | –7,4 % | — | gesunken |
| Tatverdächtige Zuwanderer (Gewaltkriminalität) | –7,2 % | — | gesunken |
| Tatverdächtige Kinder | +3,3 % | — | gestiegen |
| Sexualstraftaten (Vergewaltigung) | +9,0 % | — | gestiegen |
SKiD 2024 — Erstmals simultan mit PKS
Die BKA-Dunkelfeldstudie „Sicherheit und Kriminalität in Deutschland 2024" (SKiD) wurde erstmals zeitgleich mit der PKS veröffentlicht. Zentraler Befund: 8,5 % der Jugendlichen zwischen 16 und 17 Jahren wurden Opfer einer Körperverletzung — eine Verdoppelung gegenüber der letzten Erhebung 2020 (+5,4 Prozentpunkte). Junge Menschen sind demnach besonders stark von Gewaltstraftaten betroffen, obwohl die PKS-Zahlen für Gewaltkriminalität insgesamt rückläufig sind. Diese Diskrepanz zwischen Hellfeld (PKS) und subjektiver Opfererfahrung (SKiD) ist ein Kernargument der Methodik-Kritiker. 14
Methodik & Grenzen der PKS
Ausgangsstatistik — was das bedeutet
Die PKS ist eine Ausgangsstatistik: Straftaten werden nicht bei Eingang der Anzeige erfasst, sondern erst bei Abgabe der Ermittlungsvorgänge an die Staatsanwaltschaft. Das BKA beschreibt das selbst so: „Eine statistische Erfassung erfolgt erst bei Abgabe an die Staatsanwaltschaft." 1
26,5 % der in der PKS 2024 erfassten Straftaten wurden bereits im Jahr 2023 oder früher begangen — die PKS-Jahreszahl ist daher kein sauberer Querschnitt eines Kalenderjahres, sondern ein Abbild des Bearbeitungsfortschritts der Polizei.
Hellfeld und Dunkelfeld
Die PKS erfasst nur das Hellfeld — die der Polizei bekannt gewordenen Straftaten. Das Dunkelfeld (nicht angezeigte Straftaten) bleibt unsichtbar. Die Größe des Hellfeldes variiert stark je nach Delikt und hängt unmittelbar vom Anzeigeverhalten der Bevölkerung ab.
Das BKA betreibt das Forschungsprojekt SKiD (Sicherheit und Kriminalität in Deutschland), eine bevölkerungsrepräsentative Dunkelfeldbefragung (bisherige Erhebungen: 2012, 2017, 2020, 2024). Die SKiD-Studie 2024 wurde am 20. April 2026 erstmals zeitgleich mit der PKS 2025 veröffentlicht — ein Signal dafür, dass das BKA Hellfeld und Dunkelfeld künftig integrierter kommunizieren will. 4
Echtzählung bei Tatverdächtigen
Die PKS zählt Tatverdächtige nach dem Prinzip der Echtzählung: Jede Person wird innerhalb eines Jahres — unabhängig von der Anzahl begangener Straftaten in derselben Deliktsgruppe — nur einmal gezählt. Über mehrere Deliktskategorien hinweg kann dieselbe Person mehrfach erscheinen, in der Gesamtsumme aber nur einmal. 5
Eine kumulative Mehrjahresbetrachtung — etwa wie oft dieselbe Person über fünf Jahre hinweg als Tatverdächtig aufgeführt wurde — sieht die PKS-Standardpublikation nicht vor.
Vergleichbarkeit im Zeitverlauf
Änderungen an Strafgesetzen oder Erfassungsrichtlinien brechen die Zeitreihen der PKS. Bekannte Brüche:
- 2024: Cannabis-Teillegalisierung — Rauschgiftdelikte nicht mit 2023 vergleichbar (explizit im BKA-Flyer vermerkt)
- 2017/2018: Reform des Sexualstrafrechts („Nein heißt Nein") — neue Straftatbestände, Sexualdelikte nicht mit Vorjahren vergleichbar
- 2014: Cybercrime-Erfassungsregeln geändert — bis 2013 wurden Fälle mit unbekanntem Tatort erfasst, ab 2014 nur noch bei konkretem Inlandsbezug
Debatte: Staatsangehörigkeit in der PKS
Der politische Streit
Bei der Vorstellung der PKS 2023 verwendete Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) den Begriff „Ausländerkriminalität". Das BKA selbst vermeidet diesen Begriff und liefert auf seiner Website einordnende Erklärungen. Im Mai 2024 fragte die Linke-Gruppe im Bundestag schriftlich nach der wissenschaftlichen Haltbarkeit dieser Kategorisierung. 6
Die Bundesregierung antwortete im Juni 2024: „Es besteht wissenschaftlicher Konsens, dass Staatsangehörigkeit abseits der ausländerrechtlichen Verstöße keinen eigenständigen Erklärungsbeitrag für die Begehung von Straftaten leistet." 7
Strukturprobleme bei der Interpretation
Die Bundesregierung bestätigt in BT-Drs. 20/11793 eine Reihe von Faktoren, die die Staatsangehörigkeitsdaten verzerren:
- Auslandswohnsitz: Von den 37 % nichtdeutschen Tatverdächtigen (PKS 2023) sinkt der Anteil auf ~31 %, wenn Personen mit Wohnsitz im Ausland herausgerechnet werden; auf ~24 %, wenn zusätzlich Personen mit unbekanntem Wohnort abgezogen werden.
- Ausländerrechtliche Verstöße: ~287.000 Fälle (2024) betreffen Delikte, die Deutsche strukturell nicht begehen können (unerlaubte Einreise, Aufenthalt). Viele Verfahren werden wegen Art. 31 GFK eingestellt — erscheinen aber in der PKS.
- Polizeiliche Kontrolldichte: Straftaten in staatlichen Aufnahmeeinrichtungen werden durch Wachdienstpräsenz systematisch häufiger registriert als vergleichbare Delikte im privaten Umfeld.
- Differenzielles Dunkelfeld: Opfer zeigen Täter häufiger an, wenn sie diese als Angehörige einer fremden Gruppe wahrnehmen. Dieser Effekt kann die Überrepräsentation nichtdeutscher Tatverdächtiger strukturell mitverursachen. 8
Rechte Kritik: Zu wenig Transparenz
Die AfD kritisiert die PKS aus entgegengesetzter Richtung: In einem Antrag (BT-Drs. 20/14721) forderte sie „bundeseinheitliche Transparenz bei der Darstellung migrationsbezogener Kriminalität" und verlangte, dass Deutsche mit Doppelstaatsangehörigkeit als separate Untergruppe in der PKS ausgewiesen werden. 9 In einer weiteren Anfrage (BT-Drs. 21/2366, Oktober 2025) fragte die AfD-Fraktion nach kumulativer Erfassung von Tatverdächtigen aus „Hauptherkunftsländern von 2015 bis 2024" — eine Mehrjahresauswertung, die die PKS strukturell nicht vorsieht. 5
Offener Brief 2025
Über 40 Organisationen (darunter Amnesty International Deutschland, Grundrechtekomitee, Justice Collective) unterzeichneten 2025 einen offenen Brief, der die „politisierte Nutzung der PKS" kritisiert und das „durch BKA und Medien gezeichnete statistische Bild entschieden in Frage" stellt. 10
PKS vs. PMK — Zwei getrennte Statistiken
In der öffentlichen Debatte werden PKS und PMK häufig vermischt. Sie funktionieren jedoch grundlegend verschieden:
| PKS (Polizeiliche Kriminalstatistik) | PMK (Politisch Motivierte Kriminalität) | |
|---|---|---|
| Typ | Ausgangsstatistik | Eingangsstatistik |
| Erfassungszeitpunkt | Bei Aktenabgabe an Staatsanwaltschaft | Bei erstem Anfangsverdacht |
| Inhalt | Alle Straftaten (ohne Staatsschutz) | Nur politisch motivierte Delikte |
| Staatsschutzdelikte | Nicht enthalten | Kern der Statistik |
| Hakenkreuz-Graffiti | Läuft als „Sachbeschädigung", nach Ermittlungsabschluss | Sofort als PMK-rechts, noch vor Ermittlung |
| Herausgeber | BKA (BKA + 16 LKÄ) | BKA + Verfassungsschutz |
PMK 2024 (verifiziert): 84.172 Straftaten gesamt (+40,2 % gegenüber 2023, neuer Höchststand). PMK-rechts stellt über 50 % aller Fälle, antisemitische Straftaten: 6.236 Fälle (+20,8 %), Hasskriminalität: 21.773 Fälle (+28,0 %), Gewalttaten: 4.107 (+15,3 %). 11
Strukturkritik
Prof. Tobias Singelnstein (Goethe-Universität Frankfurt) beschreibt die PKS als „unvollständig, verzerrt, potenziell manipulierbar und ungewichtet" und bezeichnet sie als lediglich Tätigkeitsstatistik der Polizei: „Die PKS ist kein Goldstandard der Kriminalitätsmessung. Sie ist allenfalls der Zinnstandard." 12 Die polizeiliche Kontrolldichte beeinflusst direkt die erfassten Fallzahlen — mehr Kontrollen bedeuten mehr Fälle, ohne dass sich die tatsächliche Kriminalität geändert haben müsste. Martin Thüne (Kriminologe) geht noch weiter: Er plädiert dafür, die PKS in ihrer jetzigen Form abzuschaffen und durch eine bessere Datenbasis zu ersetzen. 15 (Methodische Grundlage: Habermann / Singelnstein, „Wissen schafft Demokratie" Bd. 4, IDZ Jena 2018: idz-jena.de/pubdet/wsd4-3.)
Dr. Gina Rosa-Wollinger beschreibt Staatsangehörigkeit in der PKS als „kriminologisch und polizeilich nicht verwertbar": Die Kategorie suggeriere, dass Kriminalität und Herkunft etwas miteinander zu tun haben — ein Konstrukt ohne statistische Homogenität. Dr. André Schulz ergänzt: „Grundsätzlich hat Herkunft, Ethnie oder Religion nichts damit zu tun, ob ein Mensch kriminell wird oder nicht." 7
Aus anderer Richtung kritisiert der frühere BKA-Präsident Holger Münch den politischen Druck auf die PKS-Präsentation. Innenminister nutzen die jährliche PKS-Pressekonferenz regelmäßig zur Politisierung von Zahlen, deren Interpretation dem BKA zufolge erhebliche methodische Vorsicht erfordert. 12
Gegenposition: BKA-Selbstdarstellung und institutionelle Sicht
Das BKA betont auf seiner Website, dass die PKS „ein möglichst verzerrungsfreies Bild der angezeigten Kriminalität" liefern soll und kommuniziert die methodischen Grenzen aktiv in seinen eigenen Interpretationshilfen. Die BKA-Seite „PKS — Bedeutung, Inhalt, Aussagekraft" benennt dieselben Einschränkungen, die externe Kritiker vorbringen: Hellfeld-Beschränkung, Auswirkung von Gesetzesänderungen auf Zeitreihen, Einfluss der Anzeigenbereitschaft. 16
BKA-Präsident Holger Münch hat sich intern wiederholt gegen die politische Überinterpretation der PKS-Zahlen durch Innenminister positioniert — was von netzpolitik.org 2024 als „Polizeichef bremst Innenminister" beschrieben wurde. Das BKA veröffentlicht jährlich eigene Interpretationshilfen zu Tatverdächtigen nach Staatsangehörigkeit, in denen es ausdrücklich auf verzerrende Faktoren (Auslandswohnsitz, ausländerrechtliche Verstöße, Kontrolldichte) hinweist. 17
Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) vertritt eine differenziertere institutionelle Sicht: BDK-Bundesvorsitzender André Schulz räumt ein, dass die PKS „kein treues Abbild der tatsächlichen Kriminalität, sondern eine Annäherung an die Realität" sei, die je nach Delikttyp variiert — hält die Statistik aber für unverzichtbar als Planungsgrundlage für Polizei und Politik.
Parlamentarische Initiativen
Kleine Anfragen zur PKS-Methodik
| Drucksache | Datum | Fraktion | Thema | Status |
|---|---|---|---|---|
| BT-Drs. 20/11398 | 15.05.2024 | Die Linke | Begriff „Ausländerkriminalität" in PKS 2023-Präsentation; wissenschaftliche Haltbarkeit der Staatsangehörigkeitskategorie | Beantwortet → 20/11793 |
| BT-Drs. 20/14721 | 2024 | AfD | Transparenz migrationsbezogene Kriminalität; Doppelstaatler als eigene Untergruppe in der PKS | Beantwortet |
| BT-Drs. 19/27501 | 2021 | AfD / Bundesregierung | Differenzielles Dunkelfeld bei Kriminalitätsbelastung; Migrationshintergrund und Anzeigebereitschaft | Beantwortet |
| BT-Drs. 21/2366 | 22.10.2025 | AfD (Drößler, Curio) | Kumulative Erfassung Tatverdächtiger aus Hauptherkunftsländern 2015–2024; Echtzählung | Beantwortet |