Serco / European Homecare
Überblick
Die britische Serco Group plc hat sich durch gezielte Übernahmen zum grössten privaten Betreiber von Flüchtlingsunterkünften in Deutschland aufgebaut. Mit der Übernahme der ORS Deutschland GmbH (2022) und der European Homecare GmbH (März 2024, Kaufpreis ca. 40 Mio. Euro) betreibt der Konzern zusammen rund 130 Unterkünfte und betreut etwa 55.000 Geflüchtete.
Eine gemeinsame investigative Recherche von ZDF, WDR und Süddeutscher Zeitung (ca. 2014/2015) dokumentierte Bruttomargen in einzelnen Einrichtungen, die nach den damaligen Berichten bis nahe 50 % reichten — bezahlt aus Steuermitteln. Der ursprüngliche ZDF-Artikel ist nicht mehr abrufbar; kein Wayback-Snapshot verfügbar. Die Margen-These stützt sich auf die damalige WDR/SZ-Verbund-Recherche, deren Ergebnisse seinerzeit breit rezipiert wurden. Gleichzeitig berichten ehemalige Mitarbeiter und Bewohner über systematische Qualitätsmängel: unzureichende Betreuungsschlüssel, mangelnde Qualifikation des Personals und fehlende Kontrollmechanismen der beauftragenden Kommunen.
Konzernstruktur
Der Serco-Konzern operiert in Deutschland über ein verschachteltes Tochtergesellschaften-Netz:
- Serco Group plc — Britischer Mutterkonzern, börsennotiert an der London Stock Exchange (FTSE 250). Umsatz 2023: ca. 4,5 Mrd. GBP. Geschäftsfelder: Outsourcing für Regierungen (Gefängnisse, Migration, Verteidigung, Transport).
- ORS Deutschland GmbH — 2022 durch Serco übernommen. Die ORS-Gruppe (ursprünglich Schweizer Unternehmen) war bereits in Österreich, der Schweiz und Deutschland im Bereich Asylbetreuung tätig.
- European Homecare GmbH (EHC) — Sitz in Essen (HRB 17088 AG Essen). Im März 2024 für ca. 40 Mio. Euro von Serco gekauft. EHC betrieb bereits vor der Übernahme rund 120 Einrichtungen mit ca. 2.200 Mitarbeitern (Stand 2019). Gegründet 1989 von Rolf Dieter Korte; das Familienunternehmen wurde von seinem Sohn Sascha Korte (ab 2006 GF) weitergeführt, zuletzt unter GF Oliver Tangermann (bis 2025), aktuell: Eike Lebbing. Umsatz 2023: ca. 138–150 Mio. Euro (Serco-Pressemitteilung).
Durch die Zusammenlegung von ORS und EHC unter dem Serco-Dach entsteht ein privater Quasi-Monopolist in der deutschen Asylunterbringung — mit einem Marktanteil, der kaum noch kommunale Alternativen zulässt.
Finanzierung & Margen
Die Einnahmen von Serco/EHC stammen zu 100% aus öffentlichen Mitteln — bezahlt von Kommunen und Landkreisen, refinanziert über Bundes- und Landeszuweisungen. Die Verträge werden in der Regel direkt zwischen dem privaten Betreiber und der beauftragenden Kommune geschlossen.
Gemeldete Bruttomargen (WDR/SZ-Recherche, ca. 2014/2015; ZDF-Originalartikel nicht mehr abrufbar, kein Wayback-Snapshot):
- Messstetten (Baden-Württemberg): laut damaliger Recherche ca. 45% Bruttomarge
- Bernkastel-Kues (Rheinland-Pfalz): laut damaliger Recherche ca. 50% Bruttomarge
Die Zahlen stammen aus den Recherchen zum Zeitpunkt der EHC-Tätigkeit vor der Serco-Übernahme. Aktuelle Margenzahlen unter Serco-Ägide sind nicht öffentlich verfügbar. EHC widerspricht der Darstellung: Die ausgewiesenen Margen enthielten Verwaltungs-, Versicherungs- und Risikokosten, die nicht mit Gewinn gleichzusetzen seien.
Der Serco-Konzern weist in seinem Geschäftsbericht die Deutschland-Sparte nicht separat aus — die genauen Gewinne aus dem deutschen Asylgeschäft sind daher nicht öffentlich nachvollziehbar (Serco Investor Relations).
Standorte & Kapazitäten
European Homecare betreibt Einrichtungen in zahlreichen Bundesländern. Die Schwerpunkte liegen in:
- Nordrhein-Westfalen: Grösste Konzentration, EHC-Firmensitz in Essen
- Baden-Württemberg: Mehrere Grossunterkünfte (u.a. Messstetten)
- Berlin: Erstaufnahmeeinrichtungen und Gemeinschaftsunterkünfte
- Brandenburg: Konkrete Standorte in Brandenburg sind öffentlich nicht dokumentiert. Angesichts der Gesamtzahl von 130 Einrichtungen und der geografischen Nähe zu Berlin ist eine Präsenz in Brandenburg wahrscheinlich, aber nicht verifiziert.
Kapazitäten (zusammen ORS + EHC): ca. 130 Einrichtungen, ca. 55.000 betreute Personen. Damit ist Serco der mit Abstand grösste private Anbieter in der deutschen Flüchtlingsunterbringung — grösser als alle karitativen Träger (DRK, Caritas, Diakonie) in diesem Segment zusammen.
Skandale & Missstände
Die Geschichte von European Homecare ist von wiederkehrenden Skandalen geprägt:
- Burbach-Skandal (2014/2019): In der EHC-Einrichtung Burbach (NRW) misshandelten Wachleute und der Heimleiter systematisch Bewohner. Videoaufnahmen zeigten, wie Geflüchtete getreten, geschlagen und zum Liegen in Erbrochenem gezwungen wurden. Bewohner wurden in sogenannten „Problemzimmern" (Räume 121/123) rechtswidrig eingesperrt. Strafverfahren vor dem Landgericht Siegen: Das LG Siegen verurteilte den ehemaligen Heimleiter am 22. Januar 2019 wegen Freiheitsberaubung in 33 Fällen (§ 239 StGB) zu einer Bewährungsstrafe von 1 Jahr und 3 Monaten sowie einer Geldbuße von 1.200 Euro. Weitere vier Angeklagte erhielten Geldstrafen (350–2.500 Euro) wegen Freiheitsberaubung und Nötigung (§ 240 StGB). Der BGH bestätigte das Urteil gegen einen Sozialbetreuer in der Revision. EHC bestritt, von den Misshandlungen gewusst zu haben (taz, Januar 2019; Siegener Zeitung, BGH-Bestätigung).
- Betreuungsschlüssel: Ehemalige Mitarbeiter berichten von Betreuungsschlüsseln von 1:150 oder schlechter — deutlich unter den Empfehlungen der Länder. Qualifiziertes Fachpersonal (Sozialarbeiter, Psychologen) sei systematisch durch ungelernte Kräfte ersetzt worden.
- Personalmangel & Qualifikation: Die ZDF/WDR-Recherchen dokumentierten, dass EHC in mehreren Einrichtungen weder die vertraglich vereinbarten Personalstärken noch die geforderten Qualifikationen des Personals einhielt.
- Berlin LAF-Kündigung (März 2024): Das Berliner Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) kündigte am 28. März 2024 die Verträge für drei ORS-betriebene Unterkünfte außerordentlich wegen „gravierender Mängel" und „umfangreicher struktureller Probleme". Hintergrund war u.a. ein Todesfall: Die Leiche eines 24-jährigen Bewohners aus Guinea lag wochenlang unentdeckt in einer ORS-Unterkunft in Berlin-Steglitz. Die Unterbesetzung in ORS-Einrichtungen hatte stellenweise über 50 % betragen (nd-aktuell, 2024).
Gegenposition: European Homecare und Serco bestreiten systematische Mängel. EHC verwies nach dem Burbach-Skandal auf "einzelne schwarze Schafe" unter den beauftragten Sicherheitsfirmen. Serco betont gegenüber Kritikern, dass Unterbesetzungen auf den Wandel in der Migrationspolitik und plötzliche Kapazitätsanforderungen zurückgingen, nicht auf Strukturprobleme. Die Bruttomargen seien branchenüblich und enthielten Verwaltungs-, Versicherungs- und Risikokosten.
Verflechtungen
Das Geschäftsmodell von Serco/EHC basiert auf einem strukturellen Interessenkonflikt:
- Kommunale Abhängigkeit: Viele Kommunen verfügen nicht über eigene Kapazitäten zur Flüchtlingsunterbringung und sind auf private Betreiber angewiesen. Dies verschafft Serco/EHC eine Verhandlungsposition, die Marktmechanismen ausser Kraft setzt.
- Fehlende Kontrolle: Die beauftragenden Kommunen verfügen selten über Personal oder Kompetenzen, die Qualität der Betreuung systematisch zu kontrollieren. Vertragliche Vorgaben werden oft nicht überprüft.
- Konzerngewinne ins Ausland: Die Gewinne des deutschen Asylgeschäfts fliessen über die Konzernstruktur an die britische Muttergesellschaft und deren Aktionäre — ein Steuermittelabfluss, der politisch kaum thematisiert wird.
Kontroversen
Privatisierungskritik: Die Frage, ob die Unterbringung von Geflüchteten — eine hoheitliche Aufgabe — an börsennotierte Konzerne mit Renditeerwartungen ausgelagert werden sollte, wird seit Jahren kontrovers diskutiert. Kritiker aus dem gesamten politischen Spektrum — von links (DIE LINKE: "Profite mit Flucht") bis rechts (AfD: "Asylindustrie") — lehnen das Modell ab, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.
Serco international: Serco betreibt auch in Grossbritannien und Australien umstrittene Migrations- und Internierungseinrichtungen. In Grossbritannien betreibt der Konzern das Abschiebegefängnis Yarl's Wood (seit 2007): Mehrfach wurden sexuelle Übergriffe von Serco-Personal auf Inhaftierte dokumentiert; eine Channel-4-Undercover-Reportage (2015) zeigte entwürdigende Kommentare von Mitarbeitern. In Australien (Weihnachtsinsel/Christmas Island) wurden unter Sercos Betrieb schwere Gewalt, hohe Selbstschadensraten und Korruption durch die australische Anti-Korruptionsbehörde (NACC) dokumentiert — das Unternehmen verlor den Vertrag 2025 bei der Neuvergabe. Die globale Kritik am Konzern folgt einem Muster: Unterbesetzung, mangelnde Kontrolle, strukturelle Defizite (Blätter für deutsche und internationale Politik, April 2025).
Lobby & Transparenz: Serco Services GmbH ist seit dem 30. Mai 2025 im Lobbyregister des Deutschen Bundestags eingetragen (Eintrag R007397). Hauptaktionäre der börsennotierten Serco Group plc sind nach Angaben des Unternehmens JPMorgan, Vanguard, Fidelity und BlackRock.
Gegenposition: Serco argumentiert, dass private Betreiber effizienter und flexibler auf schwankende Flüchtlingszahlen reagieren könnten als kommunale Verwaltungen. Die Privatwirtschaft bringe professionelles Management und skalierbare Strukturen ein, die im öffentlichen Dienst fehlen würden.
Offene Fragen & Forschungslücken
Folgende Fragen konnten im Rahmen dieser Recherche nicht abschließend beantwortet werden:
- Aktuelle Margen nach Serco-Übernahme: Welche Bruttomargen erzielt Serco mit dem deutschen Asylgeschäft seit der EHC-Übernahme (März 2024)? Der Konzern weist die Deutschland-Sparte nicht separat aus. Primärquelle wäre der Serco-Geschäftsbericht 2025, der noch nicht vorliegt.
- Vertragsvolumina einzelner Bundesländer: In welcher Höhe vergeben NRW, Bayern, Sachsen und Berlin Verträge an Serco/ORS/EHC? Öffentliche Vergabe-Datenbanken enthalten nur Teilmengen; vollständige Daten liegen bei den Landesbehörden. Möglicherweise per IFG-Anfrage erschließbar.
- Eigentümerstruktur nach Übernahme: Nach der Übernahme durch Serco wurden EHC-GF Eike Lebbing und die Konzernintegration vollzogen. Ob und welche Restbeteiligungen der Familie Korte weiterhin bestehen, ist aus öffentlichen Quellen nicht belegbar. Handelsregister-Eintrag HRB 17088 wäre zu aktualisieren.
Gegenposition
Serco und European Homecare verweisen auf folgende Gegenargumente gegenüber den öffentlich geäußerten Kritiken:
- Effizienz privater Anbieter: Private Betreiber können flexibler und schneller auf Schwankungen in den Flüchtlingszahlen reagieren als kommunale Verwaltungen. Das professionelle Management bringe skalierbare Strukturen ein, die im öffentlichen Dienst fehlen würden.
- Margen-Darstellung: Die in den Medien genannten Bruttomargen enthielten laut EHC Verwaltungs-, Versicherungs- und Risikokosten — eine Gleichsetzung mit Gewinn sei sachlich unzutreffend.
- Burbach: EHC habe die beauftragten Sicherheitsfirmen nicht direkt kontrolliert. Nach dem Skandal seien interne Kontrollmechanismen deutlich verschärft worden.
- Berlin LAF: Serco hat zu den außerordentlichen Kündigungen keine öffentliche Stellungnahme abgegeben, die vollständig dokumentiert wäre.
Hinweis: Steuerlupe hat bei European Homecare/Serco Deutschland um eine Stellungnahme gebeten. Eine Antwort lag bis zur letzten Aktualisierung (9. Mai 2026) nicht vor.